EIN BISSCHEN SPOOKY

Halloween, die Geister ziehen los. Gespenstig. Gruselig. Gänsehaut. Düstere Abendstimmung. Der Nebel liegt dicht auf laubnassen Straßen. Es ist unfreundlich kalt draußen. Zeit, sich in den warmen Keller zu verziehen, die Türe hinter sich zuzuziehen und eine frische, weiße Leinwand auf die Staffelei zu platzieren. Die bunten Farbtuben strahlen mir entgegen.

Und doch wird es auch hier auf einmal „spooky“. Die dunkle und geheimnisvolle Stimmung hat sich auch in diesen Raum geschlichen. Vor einiger Zeit habe ich mal auf Papier eine Skizze einer geheimnisvollen Frau gemalt und die meldet sich nun wieder, stößt meine Synapsen an, bringt die Quantenteilchen zwischen ihr und mir ins schwingen und flüstert mir leise, verführerisch und doch nachdrücklich ins Ohr: „Mal mich. Mal mich jetzt. Mal mich hier und heute. Das ist unsere Nacht.“ Eine Locke ihrer auffällig toupierten und dunkel getönten Frisur berührten meine Wange, während sich ein Hauch kalten Rauchs aus ihrem Kleid und ihren Haaren auf meinen Geruchssinn legt. „Mal mich.“ Sie gibt nicht auf. Ihr selbstbewusster Blick durch die schmalen Lider ihrer aufregend geschminkten Augen verbietet ungesagt jede andere Antwort. Es bleibt nur ein „Ja“.

Das etwas Skizzenhafte sollte dem Porträt erhalten bleiben, ihre distanzierte, selbstsichere Art, wie auch ihre durchaus aristokratische Gestik, die dem Gegenüber klar zu verstehen gab, Abstand zu halten, auch.

Ihre leicht nach oben gerichtete Nasenspitze wirkte wie ein Warnsignal, sie besser nicht anzusprechen, ihre angezündete Zigarette im eleganten längeren Slim-Format in der silbernen Spitze wie eine bedrohliche Waffe, den Gegner im Ernstfall zu verbrennen.

Wer sie ist, woher sie genau stammt, was sie macht, ist nicht bekannt und geht niemanden etwas an, außer sie selbst. Niemand sollte ihre Geschichte erfahren, das hatte sie sich geschworen, nach all den Irrungen und Wirrungen der Kindheit und Jugend in fernen Ländern. Und so führte sie auch später ein Leben wie ein Rätsel, wie eine geheime Akte in verschlossenen Hochsicherheits-Archiven. Ihre Männer blieben nur kurze Gefährten auf einem Weg, den auch sie vorher oft nur erahnen konnte. In entsprechenden Kreisen wurde getuschelt, dass sie aus der bitteren Armut Osteuropas über den fernen Zauber der Südsee und die Weiten Afrikas hier her gekommen sei. Die vergangenen Jahrzehnte hatten ihr finanziellen Reichtum beschert, aber dennoch lebte sie in einer Einsamkeit, die sie längst akzeptierte und für sich mittlerweile auch als passend empfand.

Ihre leicht nach oben gerichtete Nasenspitze wirkte wie ein Warnsignal.

Lady with Skull Earclip

Der Schmuck, den sie trug, Totenköpfe als Ohrstecker, unterstrich das alles eher mehr als weniger. Elegante, unübersehbare Ringe und die silberne Zigaretten-Spitze zogen die Blicke auf sie. Die verspielte rosarote Blüte am Revers verlieh ihrem gesamten Auftritt eine etwas weichere Note, glich dabei aber einer verzweifelten Blume in den harten, kalten Gesteinsböden eines Bergmassivs, die täglich dem rauen Klima und den unwirtlichen Lebensbedingungen zu trotzen hatte.

Nach einer langen Nacht blieb mir nicht mehr als ihr Bild an der Wand. Ihre distanzierte Schönheit blickt seither den Gästen im Eingangsbereich unseres Hauses entgegen. Ihre innere Kraft und Ausstrahlung hält die Geister fern, nicht nur an Halloween. So ihr Versprechen, das sie mir zum Abschied gab.

Lady with Skull Earclip – Acryl auf Leinwand 100×100

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